Wenn ein Mensch mit Demenz sich verirren könnte, hilft vor allem gute Vorbereitung: ein aktuelles Foto, eine Liste vertrauter Orte, eine abgesprochene Notfallkette und ein Notrufknopf mit Ortung, den die betroffene Person gern trägt. Wird ein Mensch mit Demenz vermisst, sollten Angehörige nicht lange allein suchen, sondern bei Gefahr früh die Polizei oder den Notruf 112 verständigen.
Was bedeutet „Hinlaufen“ bei Demenz?
Hinlaufen ist das zielgerichtete Losgehen eines Menschen mit Demenz, der einem inneren Anlass folgt und unterwegs die Orientierung verliert. Viele Fachleute sprechen lieber von „Hinlaufen“ als von „Weglaufen“, weil der Mensch mit Demenz in seiner eigenen Wahrnehmung nicht flieht, sondern irgendwohin will.
Häufige Anlässe sind alte Gewohnheiten und Pflichten aus früheren Lebensabschnitten. Ein Mensch mit Demenz will zum Beispiel zur Arbeit, die Kinder von der Schule abholen oder „nach Hause“, womit oft die Wohnung der Kindheit gemeint ist. Auch Unruhe, Langeweile, Schmerzen oder der Drang nach Bewegung können der Auslöser sein.
Für Angehörige ist dieser Blickwinkel hilfreich. Wer den Anlass hinter dem Losgehen versteht, kann oft vorbeugen, statt nur zu verhindern, und findet einen vermissten Menschen mit Demenz schneller, weil die Suche bei den Orten beginnt, die für diesen Menschen eine Bedeutung haben.
Warum ist das Risiko im Herbst und Winter höher?
Im Herbst und Winter wird es früh dunkel, und Kälte und Nässe machen jeden Weg im Freien gefährlicher. Ein Mensch mit Demenz, der sich bei Dunkelheit verirrt, wird schlechter gesehen, findet sich noch schwerer zurecht und kann bei niedrigen Temperaturen rasch auskühlen.
Hinzu kommt ein Phänomen, das Pflegekräfte und Angehörige oft beobachten: Viele Menschen mit Demenz werden am späten Nachmittag und frühen Abend unruhiger und verwirrter. Diese Abendunruhe wird im Fachjargon auch „Sundowning“ genannt. In der dunklen Jahreszeit fällt diese unruhige Phase mit der einsetzenden Dunkelheit zusammen.
Daraus folgt eine einfache Regel für die dunkle Jahreszeit: Ruhige, gut beleuchtete Räume am Nachmittag, ausreichend Bewegung bei Tageslicht und feste Abläufe am Abend senken bei Menschen mit Demenz oft die Unruhe.
Welche Vorbereitung hilft, bevor etwas passiert?
Die wirksamste Vorsorge gegen das Verirren entsteht, bevor ein Mensch mit Demenz zum ersten Mal vermisst wird. Angehörige, die wichtige Informationen griffbereit haben und ihr Umfeld eingebunden haben, verlieren im Ernstfall keine Zeit.
- Ein aktuelles, gut erkennbares Foto des Menschen mit Demenz liegt ausgedruckt und auf dem Smartphone der Angehörigen bereit.
- Eine Liste mit Orten, die dem Menschen mit Demenz wichtig sind, nennt frühere Wohnungen, den alten Arbeitsplatz, die Kirche, den Friedhof oder das Lieblingscafé.
- In Jacke, Tasche oder Geldbörse steckt eine Karte mit Name, Adresse und der Telefonnummer einer Vertrauensperson.
- Nachbarn, Hausmeister und Geschäfte in der Umgebung wissen Bescheid und melden sich, wenn der Mensch mit Demenz allein unterwegs ist.
- Eine abgesprochene Notfallkette legt fest, welche Angehörigen und Vertrauenspersonen in welcher Reihenfolge erreichbar sind.
- Tägliche Bewegung, zum Beispiel ein gemeinsamer Spaziergang, stillt den Bewegungsdrang und verringert oft die Unruhe.
Für die Wohnung helfen unauffällige Lösungen mehr als Verbote. Ein Türsignal oder ein Bewegungsmelder an der Haustür meldet den Angehörigen, dass jemand die Wohnung verlässt, ohne den Menschen mit Demenz einzusperren.
Wie kann ein Notrufknopf mit Ortung helfen – und wo liegen die Grenzen?
Ein mobiler Notrufknopf mit Ortung kann einem Menschen mit Demenz helfen, weil im Alarmfall der Standort an die hinterlegten Kontakte übermittelt wird. Bei NOA erreicht ein Alarm zuerst die Familie und die Vertrauenspersonen; die rund um die Uhr besetzte Notrufzentrale steht als Rückhalt dahinter, falls niemand aus der Familie erreichbar ist.
Die Grenzen sollten Angehörige ehrlich einschätzen. Ein Notrufknopf nützt nur, wenn der Mensch mit Demenz das Gerät trägt, das Gerät geladen ist und die Ortung eingeschaltet ist. Mit fortschreitender Demenz kann es passieren, dass die betroffene Person den Knopf nicht mehr bewusst drückt oder die Situation nicht als Notfall erkennt.
Darum lohnt sich eine frühe Einführung. Ein Mensch mit Demenz, der den Notrufknopf schon in einer frühen Phase kennenlernt und als vertrautes Schmuckstück oder Alltagsgegenstand trägt, behält die Gewohnheit oft länger bei. Wie genau die Ortung funktioniert und wer den Standort sehen kann, erklärt unser Beitrag über Notrufknöpfe mit Ortung und Datenschutz.
Ortung ist ein Eingriff in die Privatsphäre. Angehörige sollten die Ortung deshalb offen besprechen, solange der Mensch mit Demenz selbst mitentscheiden kann, und den Standort nur so weit nutzen, wie es der Sicherheit dient.
Was tun, wenn ein Mensch mit Demenz vermisst wird?
Wenn ein Mensch mit Demenz vermisst wird, zählt ein ruhiges, geordnetes Vorgehen. Angehörige sollten kurz im direkten Umfeld suchen, aber bei Dunkelheit, Kälte oder anderen Gefahren nicht zögern, die Polizei oder den europaweiten Notruf 112 zu verständigen.
- Suchen Sie zuerst gründlich in der Wohnung, im Keller, auf dem Dachboden, im Garten und im Auto, denn Menschen mit Demenz verstecken sich manchmal unbeabsichtigt.
- Prüfen Sie, ob ein Notrufknopf oder ein anderes Gerät mit Ortung einen aktuellen Standort anzeigt.
- Suchen Sie die Orte auf der vorbereiteten Liste ab und fragen Sie Nachbarn und Geschäfte in der Nähe.
- Verständigen Sie früh die Polizei oder den Notruf 112, wenn der Mensch mit Demenz nicht rasch gefunden wird oder Dunkelheit und Kälte drohen.
- Halten Sie Foto, Kleidungsbeschreibung und die Liste der vertrauten Orte für die Einsatzkräfte bereit.
- Lassen Sie eine Person zu Hause, damit jemand da ist, falls der Mensch mit Demenz allein zurückkommt.
Nach der Rückkehr hilft Ruhe mehr als Vorwürfe. Ein Mensch mit Demenz erinnert sich oft nicht an den Weg und empfindet Kritik als beschämend. Ein warmes Getränk, trockene Kleidung und ein Blick auf mögliche Verletzungen sind wichtiger als die Frage nach dem Warum.
Häufige Fragen
Darf ich einen Menschen mit Demenz orten, ohne dass er es weiß?
Heimliche Ortung ist ethisch und rechtlich heikel, und die Regeln unterscheiden sich von Land zu Land. Besser ist ein offenes Gespräch in einer frühen Phase der Demenz, solange die betroffene Person selbst zustimmen kann. Später entscheiden meist gesetzliche Vertreter mit. Im Zweifel beraten Ärztinnen, Ärzte, Pflegeberatungsstellen oder Alzheimer-Gesellschaften.
Sollte man die Haustür abschließen, damit ein Mensch mit Demenz nicht losgeht?
Ein Mensch mit Demenz, der eingeschlossen ist, kann bei einem Brand oder einem anderen Notfall die Wohnung nicht verlassen. Einsperren ist zudem rechtlich und ethisch problematisch. Sicherer sind Türsignale, Bewegungsmelder, vertraute Begleitung bei Spaziergängen und eine Tagesstruktur mit ausreichend Bewegung, die den Drang zum Losgehen verringert.
Kann ein Mensch mit Demenz einen Notrufknopf noch bedienen?
In einer frühen Phase der Demenz können viele Menschen einen Notrufknopf gut bedienen, besonders wenn sie das Drücken regelmäßig üben. Mit fortschreitender Erkrankung nimmt diese Fähigkeit oft ab. Angehörige sollten deshalb regelmäßig prüfen, ob der Notrufknopf noch passt, und zusätzliche Schutzmaßnahmen wie Türsignale und feste Abläufe einplanen.
Welche Angaben braucht die Polizei bei einer Vermisstenmeldung?
Die Polizei braucht vor allem ein aktuelles Foto, Größe, Statur, Haarfarbe und eine Beschreibung der Kleidung. Hilfreich sind außerdem Angaben zu Gehhilfen, Hörgeräten, wichtigen Medikamenten und der bevorzugten Sprache. Die Liste vertrauter Orte und der Hinweis auf die Demenz helfen den Einsatzkräften, die Suche gezielt zu beginnen.
NOA ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine medizinische oder pflegerische Versorgung. Zu Diagnose, Behandlung und Betreuung bei Demenz beraten Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte.